Der heutige Morgen war anders. Er hat wie immer mit einem Kaffee im Bett begonnen. Danach führte mich der Weg zum Bäcker, Brötchen holen. Normalerweise ist um diese Uhrzeit kaum Betrieb, doch heute war alles anders.
Als ich um die Ecke bog, blickte ich umgehend auf eine sehr lange Schlange, die sich bis in die Bäckerei hineinzog. An den Tischen, Drinnen wie Draußen, war dazu ordentlich was los.
Was sollte ich machen, außer mich ans Ende der Schlange an überwiegend jungen Menschen zu stellen? Aufgrund des Altersdurchschnitts denke ich mir, dass es eine Veranstaltung oder so in der Nähe gab, denn viele von den Gesichtern habe ich noch nie gesehen und vergessen kann ich nicht besonders gut.
Den wahren Grund für die Schlange an Menschen offenbarte sich dann in der Bäckerei. Es roch nach frisch gebrühtem Kaffee, die Menschen unterhielten sich schmatzend an ihren Tischen und ein Duft von frisch gebackenen Brötchen erreichte mich. Die Damen waren zu Zweit und während die eine hinten die Brötchen belegte, bediente die andere, während sie zwischendurch noch Frühstücke verteilte und Kaffee zapfte. Die beiden Damen waren heute nicht zu beneiden, denn auf so einen Ansturm waren sie vermutlich genauso wenig vorbereitet wie ich.
Noch bevor Anna eine Vermisstenanzeige stellen konnte, war ich dann an der Reihe und hatte meine zwei Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit. Schnell gezahlt und wieder auf den Weg in Richtung Heimat begeben. Ein Blick zurück fiel auf eine noch längere Schlange, die in die Bäckerei hineinführte.
Es ist ein zweischneidiges Schwert, den auf der einen Seite fühle ich mit den Damen, die sich im Stress befanden, den sie gut meisterten und auf der anderen Seite gönne ich ihnen unendlich viele Kunden, denn diese sichern ihren Job.
Egal auf welche Seite man sich hier schlägt, man wird es niemanden recht machen können.
Ich möchte es auch niemanden recht machen, denn das ist nicht in meinem Interesse. Mein Weg ist mir wichtig und der deckt sich nicht zwingend mit dem Weg anderer Menschen. Das mag hart klingen, ist aber es aber nicht. Rein logisch betrachtet ist es sogar notwendig, denn andernfalls müsste ich ja heute gleich als Aushilfe hinter den Tresen gesprungen sein, was nicht passiert ist.
Mein Ziel waren die Brötchen und das habe ich erreicht, ganz ohne schlechtes Gewissen, mit dem Wissen das andere Menschen dafür viel arbeiten müssen. Das schätze ich wert, indem ich die Waren dort einkaufe, denn das ist das eigentliche Tauschgeschäft einer funktionierenden Gesellschaft.
Sobald dieses Geben und Nehmen, das Gleichgewicht, gestört ist, gerät alles in eine Schieflage. Wenn ein Schiff immer weiter in eine Schieflage gerät, dann wird es irgendwann sinken. Daher finde ich es ungemein wichtig, dass jeder in diesem Gefüge der Gesellschaft seinen eigenen Weg geht, diesen mit anderen Wegen kreuzt und dennoch das eigene Ziel nie aus den Augen verliert.
